Führung jenseits von Hierarchie? (I)

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Keine Frage: Der Führungsbedarf in Unternehmen und anderen Organisationen steigt angesichts von VUKA (Volatilität, Ungewissheit, Komplexität, Ambiguität) unaufhörlich. Auf der anderen Seite ist die Bedeutung von Führung über Hierarchie heute nicht mehr die gleiche wie einst. Wie hat sich diese Bedeutung verändert? Was heisst das für den Führungsalltag? Was folgt daraus für die Rolle der Führungskraft? Welche Formen von Führung jenseits von Hierarchie sind praxistauglich? Wie sollte die Führungsentwicklung in Zukunft aussehen? Ich möchte versuchen, mit diesem und den folgenden Posts Antworten auf diese und weitere Fragen zu geben.

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Natürlich bleibt die Hierarchie in Unternehmen wichtig. Auch in Zukunft wird es wichtig bleiben, zu definieren, welche Position mit wie viel formeller Macht ausgestattet ist, wer wem Bericht erstattet etc. Und doch hat sich die Bedeutung von Hierarchie in den letzten Jahren und Jahrzehnten relativiert. Noch in den 1980er-Jahren waren die Hierarchien vielerorts (sehr) steil. Um die Koordination der einzelnen Aufgaben wie Einkauf, Produktion, Verkauf etc. sicherzustellen, war die Unternehmensspitze in der Regel mit sehr viel Macht ausstaffiert. Heute sieht das oft anders aus: In vielen mittleren und grösseren Unternehmen wurde ein Teil der Macht an Manager von Divisionen, Business Units oder Profit Centers delegiert. Die Hierarchien sind flacher geworden usw. Das folgende Mind Map führt weitere Faktoren an, die zur Relativierung von Hierarchie beigetragen haben.

(bitte klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrössern)

Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für die Führungspraxis. Da jedes Unternehmen, jede Organisation einzigartig sind, gibt’s keine allgemeingültigen Schlussfolgerungen oder Führungsprinzipien. Im Folgenden möchte ich daher eher von Tendenzen sprechen. Im Einzelfall müsste dann überlegt werden, was davon für eine bestimmte Führungsposition zutrifft und was nicht.

Seine Rolle als Führungskraft situationsgerecht durchsetzen

Auch wenn sich die Bedeutung von Hierarchie aufs Ganze gesehen relativiert hat, müssen Führungskräfte ihre Rolle wahrnehmen können. Allerdings werden sie sich heute öfters in Situationen wiederfinden, in denen sie mit der ihnen zur Verfügungen stehenden formellen Macht weniger weit kommen, als früher. Konkret denke ich dabei zum Beispiel an Führungssituationen in Matrixorganisationen, Projektorganisationen oder virtuellen Teams. Andere Beispiele aus dem Alltag meiner Kunden wären die Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg (von peer zu peer) oder über die Unternehmensgrenzen hinaus (z. B. mit einem IT-Provider, bei dem man zwar Kunde ist, von dem man aber wegen den hohen Kosten, die ein Wechsel zu einem anderen Provider verursachen würde, teilweise auch abhängig ist).

Daraus folgt für mich unter anderem, dass Führungskräfte sich vermehrt informelle Einflusspotenziale erschliessen müssen. Ich denke dabei an spezielle Ressourcen, wie z. B.:

  • stufengerechtes strategisches, konzeptionelles oder fachliches Wissen und Können (Expertenmacht)
  • Beziehungen und Netzwerke
  • Nutzen informeller Kommunikationskanäle (manchmal können Gespräche an der Kaffeemaschine Wunder bewirken)
  • Schaffen einer guten Vertrauensbasis mit Mitarbeitenden und anderen Stakeholdern
  • informelle Belohnung wie Sympathie, Wertschätzung (allerdings nur empfehlenswert, solange damit keine Manipulationsabsichten verbunden sind)

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen in vielen westlichen Ländern, stösst sehr direktives Führen à la „Ausführen marsch!“ – zum Glück – schon länger kaum mehr auf Akzeptanz. Oft dürften die Erwartungen – gerade auch jüngerer – Geführter an Führungskräfte eher Richtung Mentor, Coaching oder Moderator gehen. Dem muss bei der Durchsetzung der Führungsrolle – sei es jetzt auf der Basis formeller oder informeller Mittel – Rechnung getragen werden.

Einladung zur Denkpause

Liebe Leserin, lieber Leser: Wie sieht’s mit der Bedeutung der Hierarchie in Ihrem Unternehmen, in Ihrer Organisation aus? Was folgt daraus für Ihre Führungsposition? Wie wichtig sind informelle Einflusspotenziale in Ihrem Führungsalltag? Was heisst das für Ihre Rollengestaltung?

Ausblick

Was folgt aus den im obigen Mindmap dargestellten Entwicklungen für die konkrete Gestaltung der Führungsrolle? Welche neuen Chancen für Führungsleute ergeben sich daraus? Was heisst das für die Führungsentwicklung? Diesen und weiteren Fragen gehe ich in den nächsten Posts nach.

2017-12-14T16:40:00+00:00 Von |Entscheidungen, Führung, Kommunikation, VUCA|

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