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Viele Führungskräfte bewegen sich in einem Spannungsfeld, das immer spürbarer wird: Einerseits gilt es, die Effektivität zu erhöhen, um noch bessere Monats- oder Quartalszahlen liefern zu können. Und das am liebsten mit noch weniger Ressourcen. Andererseits soll man noch agiler werden, um sich auch künftig erfolgreich am Markt bewegen zu können. Das ist aber nicht gratis zu haben. Der bekannte Management-Guru John P. Kotter hat ein Buch vorgelegt, das zeigt, wie Unternehmen mit diesen widersprüchlichen Forderungen erfolgreich umgehen können.

John P. Kotter, langjähriger Dozent an der Harvard Business School und Autor mehrerer globaler Bestseller, ist der Überzeugung, dass es mit traditionellen Organisations- und Management-Methoden allein nicht möglich ist, den Spagat zwischen Effektivität und Agilität erfolgreich zu schaffen. Mit hierarchischen Strukturen, vertiefenden Analysen, langfristigen Plänen, Standardisierung von Abläufen, kontinuierlichen Verbesserungsprozessen und anderem mehr ist demnach zwar Effektivität zu haben und die bleibt natürlich wichtig. In seiner «DNA» ist dieser Ansatz aber auf Stabilität und Routine ausgelegt. Daher eignet er sich nicht für Agilität und muss um ein Netzwerk ergänzt werden, das für Flexibilität und Innovation zuständig ist. In seinem Buch «Accelerate – Building Strategic Agility for a Faster-Moving World» (Engl. 2014, Dt. 2015) empfiehlt Kotter Unternehmen ein sogenanntes duales Betriebssystem einzuführen.

duales Betriebssystem für Unternehmen: stabile Struktur und agiles Netzwerk

Sowohl… als auch

Kotter will sich also nicht einfach von bewährten Management-Ansätzen verabschieden. Er propagiert nicht – wie einige andere Autoren – ein Entweder-oder sondern ein Sowohl-als-auch. Es geht ihm darum, die traditionelle Struktur von gewissen, ihr eigentlich wesensfremden Aufgaben – Innovation, Veränderungsprojekte – zu entlasten, um so noch effektiver zu werden. Solche Aufgaben sollen dem dafür eigens initiierten Netzwerk übergeben werden. Mit diesem Netzwerk soll ein neuer Raum geschaffen werden, in dem sich engagierte Mitarbeitende in Unternehmen treffen und gemeinsam strategische Initiativen entwickeln und umsetzen. Dank einer vielversprechenden Vision, viel Begeisterung, offener Kommunikation, flachen und flexiblen Strukturen und fehlendem Silodenken kann im Netzwerk rasch, innovativ und flexibel, also agil gearbeitet werden.

Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Merkmale eines solchen dualen Betriebssystems vor (vgl. Kotter 2014, S. 37):

 Management-orientierte Hierarchie  Strategy Acceleration Network
Hauptfunktion

  • Zuverlässigkeit und Effizienz sicherstellen
Hauptfunktion

  • Agilität, Zukunftsorientierung ermöglichen
andere Funktionen

  • inkrementelle Veränderungen / kontinuierliche Verbesserungsprozesse
 andere Funktionen

  • ständige Innovation
  • Leadership Development
grundsätzliches Prinzip

  • exploit (Bestehendes optimieren)
 grundsätzliches Prinzip

  • explore (Neues erkunden und erschliessen)
Verwenden traditioneller Management-Tools

  • Pläne, Budgets
  • Stellenbeschreibungen
  • Entlöhnungssysteme
  • Metrics
  • traditionelle Problemlösungen
Kotters Accelerators

  • Fokus auf eine klar definierte grosse strategische Chance (Big Opportunity)
  • Leitende Koalition inspirierter und engagierter Mitarbeitender bilden und entwickeln
  • Veränderungsvision und strategische Initiativen entwickeln
  • Volunteers mobilisieren
  • Hindernisse aus dem Weg räumen
  • kurzfristige Erfolge ermöglichen und feiern
  • Momentum schaffen und halten
  • Veränderungen institutionalisieren

wesentliche Merkmale des dualen Betriebssystems

Im Netzwerk soll mit mehr Freiraum gearbeitet werden können als in der traditionellen Struktur. Anders als andere Autoren setzt Kotter aber dabei nicht auf sehr weitgehende Selbstführung. Er will ein anything goes ausschliessen. Das Netzwerk soll sich daher letztlich immer auch an der sogenannten Big Opportunity orientieren:

strategische Initiativen leiten sich von der Big Opportunity ab

Zudem findet ein regelmässiger Austausch zwischen dem zuständigen Management und dem Netzwerk statt. Damit wird hier die nötige Koordination zwischen den beiden Teilsystemen sichergestellt.

Chancen und Herausforderungen des Ansatzes von Kotter

Der Ansatz von Kotter ist insgesamt ein überzeugende Antwort für den Umgang mit dem eingangs erwähnten Spannungsfeld. Kotter kippt nicht einfach alle traditionellen Organisations- und Management-Ansätze über Bord, die sich mit Blick auf Effektivität jahrzehntelang bewährt haben. Er erkennt aber deren Grenzen, wenn es um mehr Agilität geht. Daher ergänzt er die traditionell geführte Struktur des Unternehmens mit einem Netzwerk, in dem teils ähnliche Spielregeln, wie in einem Start-up gelten. Diese sollen für mehr Flexibilität, Kreativität und Geschwindigkeit sorgen.

Andere Ansätze, die die Agilität der Organisation fördern sollen, werden bislang eher in kleineren bis mittleren Unternehmen praktiziert. So wird zum Beispiel Holacracy, ein agiles Organisationsmodell, meist nur auf überschaubare Firmen angewandt. Die agile Projektmanagement-Methode Scrum wird in der Regel zwar oft in mittleren (IT-) Projekten, aber kaum je in Grossprojekten verwendet (mindestens nicht in Reinkultur). Beide Ansätze zeichnen sich zudem durch eher rigide Werte und Prinzipien aus. Demgegenüber ist Kotters Ansatz offener und auch auf komplexe Organisationen anwendbar.

Das Miteinander zweier verschiedener Sets von Spielregeln (d. h. Unternehmens- und Führungskulturen) im dualen Betriebssystem ist meines Erachtens notwendig und hilfreich. Allerdings macht das den Führungsalltag und die Zusammenarbeit keineswegs einfacher. Daher muss das Umstellen auf ein duales Betriebssystem bewusst als Entwicklungs- und Lernprozess gestaltet werden. Taktisch geschickt wäre es, das duale Betriebssystem als Pilotprojekt in einem überschaubaren Bereich des Unternehmens zu starten, der neuen Arbeits- und Führungsformen gegenüber offen ist. Erzielte Erfolge sollten breit kommuniziert werden, um so immer mehr Menschen im Unternehmen von der Idee des dualen Betriebssystems begeistern zu können.